Der Prophet Muhammad und die Christen

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Der erste Kontakt zwischen dem Propheten Muhammad und seinen christlichen Zeitgenossen ergab sich, als Muhammad seinen Onkel Abu Talib nach Syrien begleitete. Später pflegte der Prophet dann Umgang mit vielen Christen und christlichen Gruppen, etwa mit dem Gelehrten Waraqa ibn Nawfal oder den Christen von Nadschran. Auch die Übereinkunft mit dem Negus, König von Abessinien, der sich erbot, muslimische Flüchtlinge in seinem Land aufzunehmen, ist ein schönes Beispiel für Muhammads gute Beziehungen zu Christen seiner Zeit. Schon vor Beginn seiner Mission hatte der Prophet als ehrbarer Händler in Mekka tagtäglich mit Christen zu tun. Bei diesen Zusammentreffen kam es jedoch nicht zu ernsthaften Diskussionen oder zu tieferen Gesprächen.

Der Mönch Bahira

Als der Prophet zwischen 9 und 12 Jahre alt war, begleitete er seinen Onkel und dessen Handelskarawane nach Syrien.1 Dort lernte er den Christen Bahira2 kennen, einen Mönch, der in der Stadt Bostra lebte.3 Dieser war dafür bekannt, dass er glaubte, noch zu seinen Lebzeiten, werde ein Prophet unter den Arabern erscheinen. Bahira hatte die alten Schriften studiert und ihnen entnommen, dass das Kommen des letzten Propheten unmittelbar bevorstehe. Um zu überprüfen, ob er mit seiner Vermutung richtig lag, sprach er vor allem mit den arabischen Händlern auf der Durchreise.

Die Karawane Muhammads erregte seine Aufmerksamkeit, weil über ihr in nicht allzu großer Höhe eine Wolke schwebte. Die Wolke blieb stehen, wenn die Karawane stehen blieb, und zog weiter, wenn auch die Karawane weiter zog. Es schien fast so, als würde sie einem der Reisenden oder einer bestimmten Gruppe von Reisenden Schatten spenden. Als Bahira außerdem bemerkte, dass offenbar auch ein Baum vor der Karawane seine Zweige senkte, um ihr Schatten zu spenden, zog er daraus den Schluss, dass ihr außergewöhnliche Reisende angehören mussten.

Als die Karawane in der Nähe seines Klosters anhielt, lud Bahira alle Reisenden zu einem Mahl ein. Als er aber in keinem ihrer Gesichter ein Merkmal des von ihm erwarteten Propheten fand, fragte er, ob man jemanden bei der Karawane zurückgelassen habe. So erfuhr er, dass Muhammad dort geblieben war, um aufzupassen. Bahira bestand darauf, ihn kennen zu lernen, und erkannte sofort, dass der Junge alle Zeichen trug, die der zukünftige Prophet den Schriften zufolge4 aufweisen sollte. Er riet Abu Talib dringend, den Jungen sofort wieder nach Mekka zurückzubringen, um ihn vor potenziellen Feinden zu schützen.5

Dieser Vorfall wird von einigen westlichen Gelehrten immer wieder zitiert, weil er ihrer Meinung nach belegt, dass Muhammad über diesen Mönch die jüdisch-christliche Tradition kennen lernte, aus der er dann später angeblich eine neue Religion - den Islam - formte.6 Dieser Gedanke ist jedoch unlogisch und abwegig. Denn erstens war der Prophet Muhammad zu jener Zeit noch viel zu jung, um sich ein so umfassendes Wissen anzueignen; und zweitens sprachen Muhammad und der Mönch auch nicht lange miteinander.

Waraqa ibn Nawfal

Der Prophet Muhammad traf häufig mit Waraqa ibn Nawfal, einem der angesehensten christlichen Gelehrten seiner Zeit, zusammen, der damals in Mekka lebte. Als der Prophet am Berg Hira seine erste Offenbarung empfing, nahm ihn das sehr mit. Er kehrte nach Hause zurück und fühlte sich krank. Seine Frau Khadidscha brachte den Propheten zu Waraqa und erzählte ihm von der Offenbarung.7 Der Christ hörte sich an, was Muhammad ihm zu sagen hatte, und klärte ihn auf, ihm sei (wie schon zuvor dem Propheten Moses) Gabriel, der Engel der Offenbarung, erschienen. Waraqa fügte hinzu: „Ich wünschte, ich wäre noch jung.“8

Waraqa war ein aufgeschlossener, vorurteilsfreier Mann. Er war zum Christentum konvertiert und wusste die Zeichen der Offenbarung, die Muhammad empfangen hatte, zu deuten. Als aufrechter christlicher Gläubiger unterstützte er Muhammad, weil er erkannte, dass dieser nach Moses und Jesus der lang erwartete Prophet war. Waraqa ermunterte Muhammad, zu seiner Berufung zu stehen. Er zweifelte nicht eine Sekunde daran, dass Gott ihn dabei unterstützen würde. Mit Waraqa ibn Nawfal stellte sich also ein bekannter christlicher Gelehrter auf die Seite des angehenden Propheten und sprach ihm Mut zu.

Der Negus, König von Abessinien, und die ersten Immigranten

Als der Gesandte Gottes begann, seine Botschaft offen zu verkünden, bekämpften die heidnischen Mekkaner ihn und seine Anhänger mit allen Mitteln. Mehrere Muslime starben, viele wurden gedemütigt. Der Prophet erkannte, dass die Probleme in Mekka immer größer wurden. Er selbst genoss den Schutz seines Onkels. Andere Muslime hingegen waren den Aggressionen der mekkanischen Götzenanbeter wehrlos ausgeliefert. Daher beschloss Muhammad, einige von ihnen nach Abessinien zu schicken. Dieses Land wurde damals von einem christlichen Herrscher regiert. Der Prophet vertraute den Emigranten an, der Negus, König von Abessinien, sei ein Christ, bei ihm seien sie in Sicherheit.9 Wahrscheinlich wusste er, dass der König ein friedfertiger und nachsichtiger Herrscher war.

Zunächst emigrierten 11 Muslime, später dann 83 weitere, Männer und Frauen.10 Die Wahl des Propheten fiel auf Abessinien, denn er spürte, dass die Christen dort ihm näher standen als die Heiden von Mekka. Als die ersten muslimischen Gäste in Abessinien eintrafen, wurden sie vom König empfangen. Dscha’far, der Sprecher der Emigranten, übergab ihm einen Brief des Propheten, in dem Folgendes stand: Ich habe dir meinen Cousin Dscha’far geschickt, der von einigen wenigen Muslimen begleitet wird. Wenn er zu dir kommt, empfange sie mit Gastfreundschaft... Der König hieß sie also willkommen und versprach, ihnen Schutz vor ihren Feinden zu gewähren. In der Gegenwart des Königs fragte man die Muslime: „Was haltet ihr von Jesus?“ Der Sprecher der Gruppe erwiderte: „Was Jesus betrifft, so können wir nur sagen, was uns der Prophet gelehrt hat: Jesus ist der Diener und Gesandte Gottes, der Geist und das Wort Gottes, die Er der Jungfrau Maria anvertraut hat.“ Als der Negus diese Worte vernahm, hob er einen Zweig vom Boden auf und sagte: „Ich schwöre, der Unterschied zwischen dem, was wir über Jesus, den Sohn der Maria, glauben, und dem, was du da gesagt hast, ist nicht größer als dieser Zweig hier lang ist.“11

Als die Mekkaner hörten, dass die Muslime unbehelligt unter den Christen lebten, entsandten sie eine Abordnung von Gelehrten, die den König überzeugen sollten, die Muslime auszuweisen. In Anwesenheit der Muslime und des Königs wurden die Glaubensinhalte des Islam zur Diskussion gestellt. Schließlich aber wies der König die Forderungen der Mekkaner ebenso zurück wie ihre Geschenke.12

Die Hand von König Negus war die erste helfende Hand, die der noch jungen und zerbrechlichen muslimischen Gemeinschaft von einem christlichen Herrscher entgegengestreckt wurde.

Die Delegation der Christen von Nadschran

Die zweifellos wichtigste Interaktion zwischen Christen und dem Propheten Muhammad fand anlässlich des Besuchs einer Delegation der Christen von Nadschran in Medina statt. In Mekka und Medina lebten nur wenige Christen. (Nawfal ibn Waraqa war einer von ihnen). Die Mehrzahl der Christen auf der Arabischen Halbinsel lebte in Nadschran. Im 9. Jahr nach der Hidschra (631), ein oder zwei Jahre vor seinem Tod, traf der Prophet erstmals mit christlichen Geistlichen zusammen.

Muhammad hatte offizielle Briefe an die Herrscher mehrerer Länder verschickt und sie zum Islam eingeladen. Zwei dieser Briefe richteten sich an die Christen von Nadschran. 13 Sie wurden von Khaled ibn al-Walid bzw. Ali bin Abi Talib überbracht. Die Christen von Nadschran zeichneten sich damals durch ein sehr gut organisiertes religiöses Leben aus. In vorislamischer Zeit hatten ausländische Lehrer wie z.B. der römische Priester Gregentius die Stadt besucht und ihr ihr religiöses Wissen weitergegeben.14 Als Reaktion auf den Brief des Propheten konvertierten nur wenige Einwohner der Stadt zum Islam. Die meisten von ihnen hielten auch nach der Einladung durch den Propheten an ihrer alten Religion fest. Also entsandte Muhammad ihnen einen Repräsentanten, Mughira ibn Schu’ba, der die Einladung zum Islam erneuern und ihnen die neue Religion näher vorstellen sollte. Die Christen diskutierten mit Mughira und beschlossen, eine eigene Delegation zum Propheten zu entsenden. Diese Delegation bestand aus gut 60 gebildeten Christen: aus einem Bischof, seinen 45 Schülern und 15 anderen Männern. Ihr Ziel war es, Genaueres über die Offenbarungen des Propheten zu herauszufinden.15

In Medina angekommen diskutierten die Mitglieder der Delegation aus Nadschran zwei oder drei Tage lang in der Moschee in Medina (in der Masdschid al-Nabawi) mit dem Propheten. Außerdem wurde ihnen gestattet, dort auch zu beten. Hier kam es zum ersten friedlichen Dialog zwischen Christen und Muslimen in der Geschichte. Und zum ersten Mal beteten Christen in einer Moschee.16

Der Prophet Muhammad hieß die Delegation aus Nadschran herzlich willkommen und stellte ihr einen sicheren Platz in der Nähe der Moschee zur Verfügung, auf dem sie ihr Lager aufschlagen konnte. Seinen Anhängern befahl er außerdem, das Zelt der Gäste aufzubauen. Trotzdem fanden die Delegation und Muhammad in theologischen Begriffen keinen gemeinsamen Nenner. Am Ende des Meinungsaustausches sagte einer der Christen von Nadschran zum Propheten: „O Abu l-Qasim, wir haben uns entschieden, dich so zu nehmen, wie du bist, und du nimmst uns, wie wir sind. Aber schicke uns einen Mann, der die Angelegenheiten bezüglich unserer Besitztümer regelt. Denn wir erkennen dich an.“ Dieser Bitte entsprach der Prophet, und so übergab er der Delegation eine schriftliche Zusicherung, die den Christen von Nadschran den Schutz von Leben, Religion und Besitz garantierte. Das Dokument wurde auch von Zeugen unterzeichnet. Die Christen von Nadschran waren die erste christliche Gemeinschaft, mit denen der Prophet einen Dschizya-Vertrag17 schloss.

Zu Beginn der Zusammenkunft hatten Meinungsverschiedenheiten über das Konzept der Dreifaltigkeit im Vordergrund der Gespräche gestanden. Später war man aber dann in der Lage, einen Pakt zu schließen, von dem beide Gemeinschaften profitierten.18 Dieser Vertrag sollte die folgenden Entwicklungen ganz entscheidend beeinflussen.

Fazit

Der muslimische Gelehrte Muhammad Hamidullah kam zu dem Schluss, dass „dem Propheten von allen Religionen das Christentum am liebsten war, obwohl er auch einige schwere Vorbehalte hegte.“19 Der Prophet akzeptierte die Unterschiede, und legte so vor 1.400 Jahren den Grundstein zu einem friedlichen Miteinander von Muslimen und Christen.

Christen und Muslime beten beide zu demselben Gott, dem Schöpfer des Universums. Beide, Christen wie Muslime, bitten denselben Gott um Vergebung und Unterstützung. Für beide besitzt der Frieden einen außerordentlich hohen Stellenwert. Daher sollte es eigentlich selbstverständlich sein, dass die Anhänger dieser beiden Traditionen alles in ihrer Macht Stehende tun, um dem Frieden in der Welt zum Durchbruch zu verhelfen.

Lokale Probleme bleiben heutzutage nicht lange lokal begrenzt. Die lokalen Probleme von heute sind die globalen Probleme von morgen. Kriege, bewaffnete und unbewaffnete Konflikte, Hungersnöte, ökologische Krisen, die Bedrohung der Menschheit durch den nuklearen Holocaust und Unterdrückung und Tyrannei sind nicht Probleme einer bestimmten Religion, sondern globale Probleme, die alle Gläubigen betreffen. Es existiert heute einfach keine lokale Situation mehr, die nicht von einer allgemeineren kulturell-politischen Situation beeinflusst wäre. Die globalen Probleme der unterschiedlichen religiösen Gemeinschaften lassen sich nur dann lösen, wenn wir Verständnis füreinander aufbringen, unsere Mitmenschen respektieren und uns gegenseitig so akzeptieren, wie wir sind. Je mehr gläubige Menschen die Krisen unserer Zeit als globale Krisen begreifen und teilen, desto eher wird unser Planet wieder zu einem lebenswerten Ort für die ganze Menschheit werden.

Fußnoten

1 Lings, Martin; Muhammad: His Life Based on the Earliest Sources; England 1983, S. 29
2 In einigen Quelle lautet der Name des Mönchs Sergius. Siehe auch: Fayda, Mustafa; „Bahira“; in: Islam Ansiklopedisi; Istanbul 1991, IV, 486
3 Unter Alexander Severus (222-235) wurde Bostra zur römischen Kolonie. Siehe: Vailhe, S.; „Bostra“; The Christian Encyclopedia, Volume II, Online Edition 1999
4 Für nähere Details siehe: Ibn Hischam, Abd al-Malik; As-Sira al-Nabawiyya; Ägypten 1955, I, 180-183
5 Lings, M.; Muhammad; S. 29-30
6 Fayda, Mustafa; „Bahira“; in: Islam Ansiklopedisi; Istanbul 1991, IV; Daniel; Islam and the West; S. 101, 105, 109
7 Ibn Hischam, I, 236-238
8 Al-Bukhari, Muhammad ibn Isma’il; Sahih al-Bukhari; Dar al-Fikr (Arabisch-Englische Ausgabe) I, 2-3
9 Ibn Hischam, I, 217-221
10 Ibn Hischam, I, 221-230
11 Speight, R. Marston; God is One: The Way of Islam; New York 1989, S. 1-2
12 Ibn Hischam, I, 233-238
13 Nadschran - eine Provinz im südwestlichen Saudi Arabien; die gleichnamige Hauptstadt befindet sich in einer großen Taloase. Hier lebte damals eine große christliche Gemeinschaft.
14 Hamiduallah, Muhammad; Muhammad Rasulullah; S. 103
15 Ibn Hischam, I, 575
16 Ibn Hischam, I, 575-577
17 Dschizya: Eine Steuer, die von Nichtmuslimen, die in einem muslimischen Staat leben, gezahlt wird. Weil die Nichtmuslime vom Militärdienst und bestimmten Steuern, die Muslimen auferlegt sind, befreit sind, müssen sie als Ausgleich diese Steuer zahlen. Sie garantiert ihnen im Gegenzug Sicherheit und Schutz. Wenn der Staat die Dschizya-Zahler nicht schützen kann, muss er ihnen die Steuer zurückzahlen.
18 Bostanci, Ahmet; Hz. Peygamber’in Gayri Muslimlerle Iliskileri; Istanbul 2001, S. 60, 167
19 Hamiduallah, Muhammad; Muhammad Rasulullah; S. 76
 

Yasemin03

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Dankeschön. Ich verstehe irgendwie die Texte in deutsch besser als im türkischen. Die Geschichte ist echt super. Rate jedem, sich den Text durchzulesen.
 
Üst