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Dschawdat Saîd über Islam und Gewalt
Alt 29.08.2008, 15:14   #1 (permalink)
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Standart Dschawdat Saîd über Islam und Gewalt

In einer von schweren Vorurteilen beherrschten Atmosphäre tut es ausgesprochen gut, die Werke Dschawdat Saîds zu lesen.

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Saîds Bücher, in denen das Verhältnis von Islam und Gewalt untersucht wird, sind eine Quelle für diejenigen, die der in der Öffentlichkeit vorherrschende Behauptung „Islam ist gleich Gewalt“ mit der These „Im Islam gibt es keine Gewalt“ eine Antwort geben möchten. Allerdings muss darauf hingewiesen werden, dass Dschawdat Saîd keine reine Analyse dieser Unterstellung liefert, sondern ebenfalls Selbstkritik übt, indem die Tendenz der traditionellen islamischen Gesellschaften zur Gewalt nach dem Zweiten Weltkrieg hinterfragt wird. Dschawdat Saîd erteilt trotz all der Probleme denjenigen eine Absage, die die reelle Situation im Nahen Osten, der als Synonym für die islamische Welt gesehen wird und von Invasionen, Bürgerkriegen und wirtschaftlicher Rückständigkeit betroffen ist, als Rechtfertigungsgrundlage für Gewalt betrachten.

Click the image to open in full size.Der 1931 geborene Dschawdat Saîd äußert seine Meinung bezüglich des eben beschriebenen Problemgebietes in der Einleitung seines Buches „Die erste Schule des Menschen“ wie folgt: „Das Problem, mit dem sich die Welt konfrontiert sieht, ist ein Problem eines Fünftels der Menschheit. Aus diesem Grund muss jeder, der in der Lage dazu ist einen Beitrag zu leisten, die Bedeutung des Problems erkennen und seine helfende Hand ausstrecken.“ In diesem Sinne legt Saîd, der sich in seinen Arbeiten auf das Thema „Islam und Gewalt“ konzentriert, seine Thesen gegen den Einsatz von Gewalt dar. Anschließend versucht er, ausgehend von einer allgemeinen Rückständigkeit, die Formel „Islam ist gleich Wissen“ zu entwickeln.

Saîd: Gewalt ist die Krankheit unseres Jahrhunderts

In welchem begrifflichen Zusammenhang bettet Dschawdat Saîd aber nun die Ablehnung der Gewalt konkret ein? Auf welche Argumente stützt er sich, wenn er Gewalt als Mittel im Bemühen für die Sache des Islams ablehnt? Ausgehend von den Versen des Korans bezüglich der Propheten Nûh (as), Hûd (as), Mûsâ (as), Schuajb (as), Îsâ (as) und Muhammad (saw) bemerkt er im Kapitel „Beweise aus dem Leben der Propheten, die auf jede Anwendung von Gewalt verzichtet und sich gegenüber der Unterdrückung geduldig gezeigt haben“ zuerst einmal, dass die Gewaltanwendung nicht zur Vorgehensweise dieser Propheten gehörte. Nachdem der Autor feststellt, dass „wenn man alle Stellen des Korans, in denen von der Auseinandersetzung der Propheten und deren Völker gesprochen wird, gründlich studiert, wird man feststellen, dass der Grund für die Ablehnung dieser Propheten nicht in der Anwendung von Gewalt, einem Mord oder einem Anschlag, sondern in der Aussage „Unser Herr ist Allah.“ liegt.“, führt er Beispiele aus dem Leben der genannten Propheten an.

Click the image to open in full size.Ein weiterer Punkt der Untersuchung sind die Bedenken, die seiner Ansicht gegenüber vorhanden sind. Man befürchtet die Schwächung des kämpferischen Geistes und fragt sich, wie die Wahrheit ohne Macht siegen soll. Das Leben der Propheten verdeutlicht, das die Anwendung oder Androhung von Gewalt, trotz der Befürchtung in eine von Angst, Mutlosigkeit und Verantwortungslosigkeit bestimmte Haltung zu geraten, keine Lösung sein kann. Vor dem Hintergrund dieser Erläuterungen sind die folgenden Aussagen Saîds zu verstehen: „Es gibt Zweifler, die alle Erscheinungen von Gewalt verherrlichen und ihr bei der Durchsetzung des sozialen Wandels Vorrang vor der Methode der Verständigung geben. Die Menschen, die diese Meinung vertreten, sind nicht in der Lage sich vor folgenden zwei Fehlern zu schützen: Entweder versuchen sie ihre Gegner mit Gewalt zu bezwingen oder sie müssen sich ihren Gegnern so lange unterwerfen, bis sie die Kraft erlangen, um sich zu widersetzten. Ich für meinen Teil befürworte diese Methode nicht. Weder bin ich bereit Anderen meine Ansicht mit Gewalt aufzuzwingen, noch beuge ich mich der Meinung eines Anderen, weil er mehr Macht besitzt. Wir sind nur Allah ergeben und nur Ihm vertrauen wir.“

Wir müssen Selbstkritik üben

Nachdem die Argumente gegen die Anwendung von Gewalt dargelegt wurden, geht Dschawdat Saîd auf andere Probleme in diesem Zusammenhang ein: „Als Muslime müssen wir unsere persönliche Ansicht und die des Islams voneinander trennen. Solange wir diese beiden Dinge nicht trennen, ist eine Lösung unmöglich. Denn in diesem Fall setzt sich der Muslim viel mehr für das Unrecht ein als für die Wahrheit.“Der Autor fügt hinzu: „Neben den Muslimen und Nichtmuslimen, die innerhalb eines kulturellen Rahmens leben, gibt es eine dritte mit der aktuellen Lage unzufriedene Gruppe, die die Ansicht vertritt, dass nur eine soziale Revolution eine Verbesserung herbeiführen könne. Ich persönlich habe, was diesen Gedanken und diejenigen, die sie vertreten, angeht, große Bedenken.“ Saîd meint, dass die Hervorhebung von Gewalt einen Riegel vor die gedankliche Anstrengung schiebt und klagt, dass die Muslime sich nicht offen und klar gegen Gewalt äußern: „…denn sie fassen die unmissverständliche Ablehnung von Gewalt als Lösung für die Probleme einer islamischen Gesellschaft als Verrat am Islam auf.“

Click the image to open in full size.Im Folgenden wendet sich Saîd denen zu, die unter Selbstkritik Schande und Zurschaustellung verstehen: „Die Muslime sind nicht in der Lage Selbstkritik zu üben und über ihre Handlungen und die Vergangenheit nachzudenken. Sie haben sich den Faktoren unterworfen, die sie in diese rückständige Lage gebracht haben und besitzen so keine Kraft mehr sich in angemessener Weise zu widersetzen. Mit anderen Worten: Ihnen ist die Bedeutung der Reue (Tawba) abhanden gekommen; Sie haben keine Kraft mehr Selbstkritik zu üben, um ihre Fehler zu erkennen und sie zu korrigieren.“ In diesem Rahmen bringt Saîd auch seine Besorgnis zur Sprache, dass das Thema „Gewalt“ verschwiegen oder verdrängt wird: „Die Lösung des Problems würde um ein Großes erleichtert werden, wenn besonders im Hinblick auf die Jugend, die generell mehr zur Gewaltanwendung neigt und sich der Bedeutung der Methode der Mission nicht bewusst ist, wenn ihre Anführer diesen Sachverhalt betonen würden.“

Im Wissen liegt die Lösung

Während im Buch „Die erste Schule des Menschen“ das Problem erörtert wird, konzentriert sich Dschawdat Saîd in seinem Buch „Sei wie der Sohn Âdams, sei wie Hâbil“ auf die Lösungswege des Problems. In der heutigen islamischen Welt haben „nicht nur das Buch und das Wort ihre Bedeutung und ihren Wert verloren, sondern mit ihnen auch der Gedanke. Obwohl die Menschen glauben etwas auf dieser Welt vollbracht zu haben, muss mit derselben Ernsthaftigkeit darüber nachgedacht werden, weshalb all ihre Anstrengungen umsonst waren.“ Um dieses Ziel zu erreichen muss man sich dem Erwerb von Wissen und die Umsetzung der Ergebnisse konzentrieren. Zum Schluss soll in diesem Zusammenhang auch auf einige originelle Gedanken bezüglich des Wissens, der Herrschaft, der Geschichte und der Europäischen Union hingewiesen werden.


Die Rezension beruht auf den folgenden Büchern Saîds:
Cevdet Said: Ademoğlunun İlk Mezhebi. İslam ve Şiddet Üzerine, 2000 İstanbul
Cevdet Said: Ademin oğlu Habil gibi ol. Yeni bir kimliğin inşası, 2002 İstanbul
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