Die Menschen werden in Roboter verwandelt. Und meiner Meinung nach geschah dies auch in Istanbul. Den Tätern, die terroristische Anschläge verüben, fehlt es an religiösem Bewusstsein und regelmäßigen Kontakten zu Moscheen.
Solche Menschen besitzen ein nur unzureichendes Wissen über die Religion. Sie müssen einen Meister oder Hodscha haben, der ihnen sagt: „Dieser oder jener sollte vielleicht besser getötet werden.“ In der Türkei wurden viele Menschen getötet. Die eine Gruppe hat diesen umgebracht, die andere jenen. Am 12. März waren alle in einem blutigen Kampf vereint. Das Militär rückte aus und intervenierte. Am 12. September gingen die Menschen auf die Straße und waren auf Blutvergießen aus. Man tötete sich gegenseitig.
Indem sie einander töteten, versuchten einige von ihnen, ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Terroristen waren sie alle - die eine wie auch die andere Seite. Aber sie gaben sich ein Etikett: Der eine sagte: „Ich tue dies im Namen des Islam.“ Der andere sagte: „Ich tue dies für mein Land und mein Volk.“ Wieder ein anderer behauptete: „Ich kämpfe gegen Kapitalismus und Ausbeutung.“ Doch das waren nichts als Sprüche. Auch im Koran ist von Sprüchen die Rede. Sie werden dort als Muster ohne Wert bezeichnet. Aber die Leute töteten weiter. Jeder tötete im Namen eines Ideals.
Im Namen solcher "Ideale" fanden viele Menschen den Tod. Jemand an der Spitze forderte: „Beseitigt jenen dort!“, und so geschah es. "Beseitigt ihn!" - auch das war einer jener Sprüche. Möglicherweise gab es auch Anweisungen für Sie und für mich. Aber das Schicksal ließ es nicht zu. Es gab da etwas, was mir ganz klar sagte: „Auch er sollte beseitigt werden.“
Alles versank im Terror. Nicht nur Muslime, sondern alle Menschen taten das Gleiche. Da jeder mitmachte, wurde das Töten salonfähig. Es wurde zu etwas, an das man sich gewöhnte. Einen Menschen zu töten ist schlimm. Einer meiner engsten Freunde brach einmal einer Schlange das Rückgrat. Er war Theologiestudent und ist heute Prediger. Ich habe einen Monat lang nicht mit ihm gesprochen. Ich fragte ihn: „Die Schlange hat das Recht, in der Natur zu leben. Welches Recht hattest du, ihr das Rückgrat zu brechen?“
Die Lage entwickelte sich so, dass wir, wenn wir hören, dass irgendwo in der Welt 10 oder 20 Menschen getötet wurden und diese Zahl nicht so hoch wie erwartet ausgefallen ist, sagen: „Zum Glück sind nicht viele Menschen gestorben.“ Diese Gewalt wird zunehmend akzeptiert. „Gut, dass wir durch den Tod von 20 oder 30 Menschen selbst mit dem Leben davon gekommen sind.“, sagen wir. Das heißt, sie haben erreicht, dass die Gesellschaft dies akzeptiert.
Die Bildung kann solche Zustände verhindern. Auch die Regeln und Grundsätze des Staates können zur
Prävention beitragen. Einige gesellschaftliche Kreise beginnen nun zu reagieren und sind gewillt, schon bei geringsten Anlässen einzuschreiten. Sie machen aus Mücken Elefanten. Auf Grund ihrer Machtposition lässt sich dies aber nicht ändern.
Sie übertreiben. Aber es gibt ein Heilmittel für diese Dinge. Es besteht darin, das Richtige zu lehren. Es muss ganz deutlich gesagt werden, dass Muslime keine Terroristen sein können. Warum das so deutlich gesagt werden muss? Wenn man eine Sünde begeht, und sei sie auch so klein wie ein Atom, wird man dafür bezahlen müssen. (Zur Untermauerung dieser These zitiert er die Koranverse 99:7-8)
Ja, das Töten eines Menschen ist eine schwer wiegende Angelegenheit. Der Koran sagt, dass das Töten eines Menschen dem Töten der ganzen Menschheit gleichzusetzen ist. Ibn Abbas sagte, dass ein Mörder für alle Ewigkeit in der Hölle bleiben wird. Das gilt auch für Ungläubige. Derjenige, der einen Menschen tötet, teilt also das Schicksal eines Ungläubigen. Dies bedeutet, dass der Mörder eines Menschen einem Atheisten und jemandem, der Gott und den Propheten nicht akzeptiert, gleichgestellt wird. Und wenn dies das Grundprinzip der Religion ist, dann sollte es durch die Erziehung vermittelt werden. Aber das geschieht nicht.
Nach dem 11. September konnte man beobachten, dass Muslime dazu neigen, Theorien ein wenig zu komplizieren. Sind es wirklich immer die ‚Anderen‘, die Schuld haben? Ist es denn tatsächlich so, dass diese "Anderen" immer wollen, dass wir ‚unsympathisch‘ erscheinen? Warum gibt es im Islam keine Kultur der Selbstkritik?
An dieser Stelle muss ich widersprechen. Der Satz „Es gibt im Islam keine Kultur der Selbstkritik“ ist falsch. Es gibt sehr wohl Selbstkritik im Islam. Muslime hinterfragen alles mit Ausnahme der heiligen Botschaften.
Ich glaube auch nicht, dass andere über eine solche Selbstkritik verfügen. Der Kalif Umar beispielsweise repräsentiert den Islam. Während er am Minbar [auf der Kanzel] eine Rede hält, bringt eine Frau einen Einwand vor: „Was du sagst, ist falsch. So muss es heißen...“
Ein anderes Beispiel: Ein Kommandant in der Armee gibt an, das und das getan zu haben. Ein unbekannter Soldat widerspricht auf sein Schwert gelehnt: „Mein Kommandant, was Sie da sagen, ist aufrührerisch. Wenn Sie nicht rechtmäßig handeln, werden wir Ihnen das und das antun.“
Gelehrte und Theologen haben islamische Themen so oft diskutiert und debattiert, dass diese Diskussionen unzählige Bücher füllen. Jeder von ihnen hat den anderen in islamischen Angelegenheiten kritisiert. Diese Kritik stieß auf ein gehöriges Maß an Toleranz. Ghazali z.B. verfasste einen Tahafut [eine Kritik an den Verirrungen der Philosophen]. Daraufhin wurden ihm von jemand anderem Einwände gemacht. Hätte es damals einen islamischen Staat gegeben, wären diese Menschen bestraft worden. So aber sagte niemand etwas. Der Mann lebte weiter. Es gib viele unterschiedliche Gedanken.