DIE RECHTSSCHULEN IM ISLAM - MESHEB
Das Wort "Mesheb" steht Linguistisch für "Gehen" oder "eingeschlagener Weg". Fachspezifische bedeutet es eine "Art und Weise des Vorgehens und der Methode" (so wie man an die Materie herangeht) und verweist auf die Meinung eines "Müdschtechids", in Bezug auf eine Vielzahl von interpretativen Möglichkeiten der Ableitung von ALLAHs Gesetzen aus den Primärtexten von Quran und Hadith, zu einer bestimmten Fragestellung.
Zum Beginn des vierten Jahrhunderts soll es schon 19 Mesheb gegeben haben. Die meisten Mesheb traten angesichts des weitaus stärkeren Einflusses der vier berühmten Rechtsschulen in den Hintergrund. In den Bibliotheken finden sich noch heute die außerordentlichen Schriften, wie zum Beispiel: Ibni Schibrimah, Ibni Abi Layla, Al Awsai, Sufina Al Thauri, Alä Layth Ibni Sad, Dawud Al Sahiri, Abu Dschafar Al Tabari und viele anderer.
In einer allgemeineren Bedeutung repräsentiert ein Mesheb die in sich geschlossene Denkschule (Rechtslehre) und davon sind die Mesheb eines bestimmten Müdschtechid-Imams, wie Imam Abu Hanifa, Imam Malik, Imam Schafi oder Imam Achmad ibni Hanbal abgeleitet. Welche in gewisse Fragen unterschiedliche Perspektiven und daher unterschiedliche Antworten im Sinne von Fiqch entwickelt haben. Die Mesheb entwickelten sich, da es für die große Mehrheit der Moslems nicht möglich war genügend Wissen zu erwerben um richtige Entscheidungen aus Quran und Sunnah abzuleiten.
Bemerkenswert ist, dass keine von den Gelehrten der damaligen Mesheb beabsichtigte, einen Mesheb zu gründen. Die Mesheb wurden später mit den Namen der berühmten Gelehrten geehrt bzw. gegründet. Keiner der Gelehrten, nach dem die Mesheb benannt wurden, erhob den Anspruch auf Vollständigkeit und alleinige Gültigkeit zu haben. Imam Abu Hanifa sagte, wenn jemand einen Hadith hört, der gegen meine Anschauung ist, so ist der Hadith meiner Anschauung vorzuziehen. Der Gelehrte Imam Malik, nachdem eine der vier Mesheb benannt ist, lehnte den Vorschlag des Khalifen ab, sein Werk "Al Muwatta" als allgemein gültiges Gesetzbuch einzuführen. Imam Achmad ibni Hanbal hat nie ein Werk über die Jurisprudenz verfasst. Er hat lediglich eine Sammlung von Überlieferungen hinterlassen. Er selbst sagte: Ich bin keineswegs ein Verfechter der dogmatischen Theologie, vielmehr bin ich gegen sie. Nur das, was im Quran und in der Sunnah steht und was uns authentisch von den Gefährten des Propheten berichtet wird, darf berücksichtigt werden. Die ersten Jahrzehnte sah man in dem heutigen Mesheb von Imam Hanbal lediglich als Sammler an, nicht als eigenständiges Mesheb.
In der jeweiligen Rechtsschule kamen danach viele erstrangige Gelehrte, die ihre Ergebnisse
prüften und ihre Arbeit verfeinerten und verbesserten. Die Müdschtechid-Imame waren also Interpreten, die den Quran und die Sunnah in die spezifischen Scharia-Regeln des täglichen Lebens transformierten, was im Allgemeinen als "Fiqch", oder "Rechtswissenschaft" bekannt ist.
"Oh die ihr glaubt, gehorchet ALLAH und gehorchet dem Gesandten und denen, die Befehlsgewalt unter euch haben. Und wenn ihr in etwas uneins seid, so bringet es vor ALLAH und den Gesandten, so ihr an ALLAH glaubt und an den Jüngsten Tag. Das ist das Beste und am Ende auch das Empfehlenswerteste. " (An Nisa - 59)
" ...so fraget die, welche die Erahnung besitzen, wenn ihr nicht wisst. " (An Nachl - 43)
Der Prophet Mohammad (s.a.s.) sagte: "ALLAH erleuchtet das Gesicht eines Menschen, der meine Worte hört, es behält, bewahrt und weitergibt." (Tabarani) Mancher übermittelt Wissen, ohne selbst gelehrt zu sein. In der Überlieferung von Al Tirmisi heißt es: "Und mancher übermittelt Wissen einem, der gelehrter ist als er selbst." Diese beiden Überlieferungen weisen daraufhin, dass nicht jeder Muslim in der Lage ist, die Worte des Propheten zu verstehen und zu deuten und das zur Ausübung dieses Verfahren nur bestimmte Personen befugt sind. So heißt es in den Worten des Propheten (s.a.s.): "Wer über den Quran etwas sagt, ohne zu wissen, der soll seinen Platz im Feuer haben." Nicht jeder Muslim hat also das Recht, in Fragen unmittelbar auf die Quellen zurückzugehen, sondern muss bei anstehenden Fragen einen Müdschtechid-Imam "nachahmen" (Taqlid), selbst wenn diese Nachahmung von Unwissenden kritisiert wird. Diejenigen, die Quran- und Hadithtexte von sich aus interpretieren können, sind die Müdschtechid-Imame.
Es ist nachvollziehbar, warum ALLAH uns verpflichtet hat, Spezialisten (Müdschtechid-Imame) zu befragen. Denn wenn jeder von uns persönlich dafür verantwortlich wäre, all die schwerverständlichen Fragen aus den Primärquellen, zu bezogen zu jeder beliebigen Frage, würde ein lebenslanges Studium wohl kaum dafür ausreichen. So könnte ein Moslem kaum einer Arbeit nachgehen, weil die Zeit für beide nicht ausreichen würde.
Bevor die uns heute noch übrig gebliebenen bekannten großen Mesheb entstanden sind und sich eine islamische Rechtswissenschaft (fiqch) entwickelte, hat es viele historische Vorfälle gegeben, die zur Entwicklung der Mesheb beigetragen haben.
1. Die Situation der Moslems zu Lebzeiten des Propheten Mohammad (s.a.s.)
Die Zeit des Propheten Mohammad (s.a.s.) war die Zeit der Offenbarung (Wachy). Als die höchste Autorität war der Prophet unter den Menschen und jede Frage könnte eindeutig beantwortet werden.
2. Die Situation kurz nach dem Tode des Propheten Mohammad (s.a.s.)
Nach dem Tode des Propheten Mohammad (s.a.s.) standen die Moslems vor einer neuen Situation. Die neuen Autoritäten waren die Sachaba (die Gefährten des Propheten) geworden, die eine gewisse Nähe zum Propheten (s.a.s.) hatten, wobei auch sie einander um Rat baten und fragten, ob jemand vom Gesandten ALLAHs zu dieser oder jener Frage etwas wusste. Nicht nur diese Sachaba, sondern auch ihre Aufenthaltsorte, hatten eine Magnetwirkung auf die Moslems. Die Zentren in denen sich die Sachaba und später die Tabiun (Die die Sachaba am Leben gesehen haben) aufgehalten haben, waren unter anderem Mekka, Medina, Basra, Kufa, Bagdad, Damaskus und später Fustat (das heutige Altkairo). In diesen Zentren hatten sich gewisse Zirkel gebildet, die in einem intensiven Austausch untereinander standen, wobei die Mitteilungen überwiegend mündlich waren und die Menschen eine enorme Gedächtniskapazität hatten.
3. Die Zeit der Tabiun (Die, die Gefährten Mohammads gesehen haben)
Als es die Sachaba (die Gefährten Mohammads) als Autoritäten auch nicht mehr gab, stand man wieder vor einer neuen Situation. Jedoch hatte die nachfolgende Generation der Tabiun noch den Vorfall, Sachaba persönlich gekannt zu haben und von ihnen Wissen bekamen. Schon in der Tabiunzeit entbrannten die heftigen Diskussionen über gewisse islamische Inhalte. Jeder der auch nur etwas von sich hielt, nahm an den schwierigen Fragen teil. Das führte so weit, dass Moslems sich gegenseitig als Ungläubiger (Qafir) beschimpften, was zur Folge hatte, dass man den anderen wegen einer anderen Meinung tötete.
4. Die Zeit nach der Tabiun
Nun entwickelte sich eine Generation heran, die keine Primäraussagen mehr nutzen konnte und es trat ein anderes Phänomen in Erscheinung. Denn die Moslems waren bis zum Tode des Propheten Mohammad (s.a.s.) überwiegend auf der arabischen Halbinsel verbreitet. Zur Zeit der ersten vier Khalifen sie weit bis in byzantinisches, afrikanisches und asiatisches Gebieten vorgedrungen und hatten Kontakte zu verschiedenen nicht-muslimischen Kulturen aufgenommen. Wobei außerdem zu berücksichtigen ist, dass sie auch in der nächsten Generation in vielen Gebieten noch eine Minderheit bildeten. Bereits im Jahre 711 waren die Moslems vom südlichen Andalusien bis zum Indus verstreut. Die Mehrheit der Muslime sprach nun nicht mehr die Sprache des Quran, bzw. Arabisch. Erschwerend kam noch die Unkenntnis über die verschiedenen Lese- und Interpretationsmöglichkeiten des Quran hinzu.
Entscheidend war die Lehre der "Mutasiliten", deren Denkrichtung teilweise von der griechischen Philosophie beeinflusst wurde. Die Mutasiliten, gegründet von Wasil Ibnu Ata (699-748), die sich am Ende der Umayyiden Dynastie parallel zu den Mesheb etabliert hatten vertraten die Meinung: "Sünder sind keine Moslems und keine Qafir (Ungläubiger), sie stehen irgendwo dazwischen." Zudem vertraten sie die Meinung: "An erster Stelle steht die menschliche Vernunft und dann erst kommt der Quran und die Sunnah. "Alles aus dem Quran und der Sunnah, was der Vernunft widersprach, lehnten sie somit ab.
In dieser Auseinandersetzung entwickelten sich zwei neue Denkrichtungen, die der "Aschariten" (837-935) die in der Abassiden Dynastie entstanden und die "Maturidiya". Diese traten dafür ein, "das zuerst der Quran und die Sunnah zu beachten seien, und dann erst die Vernunft". Und auch das: "wer Sünden unbewusst oder aus Schwäche begeht immer noch ein Moslem sei, solange er diese nicht leugnet oder gutheißt". So kam es dazu, dass sich die Qalam-Wissenschaft etablierte.
Imam Al Sanaani gibt in seinem Buch Al Ansab die Umstände der Überlieferung dieses Hadith wieder: "Ein Mann wurde betrunken aufgegriffen und vor Umar (r.a.) gebracht, der anordnete, dass die "Hadd" von achtzig Schlägen an ihm vollzogen werde. Nachdem dies geschehen war, sagte der Mann: "Umar, du hast mir unrecht getan! Ich bin ein Sklave!" (Sklaven erhalten nur die Hälfte der Strafe.) Umar (r.a.) war daraufhin verzweifelt vor Schuldgefühl und rezitierte das Hadith des Propheten (s.a.s.): "Wendet die Hudud (Hadd) ab mit Hilfe von Unklarheiten".
Ein weiteres Beispiel bezieht sich auf die wichtige, von den Mesheb anerkannte Praxis, das Sunnah-Gebet so schnell wie möglich nach dem Abendgebet zu verrichten. Das Hadith lautet: "Beeilt euch, die zwei Rakat nach dem Maghrib (Abendgebet) zu verrichten, denn sie werden gemeinsam mit dem Pflichtgebet (zum Himmel) empor getragen!" (Dschami)
5. Der Weg der Mesheb
Dschafar As Sadiq (r.a.) lebte in Medina und erlebte die Gründerzeit von den Umayyiden zu den Abbasiden mit. Beide Dynastien waren mehr weltlich als islamisch orientiert. Das Hauptziel Dschafar As Sadiqs war der Widerstand gegen tyrannische Regime. Dschafar As Sadiq, der viele Kontakte zu anderen Gelehrten seiner Zeit hatte und sich ausgezeichnet mit den Fragen seiner Zeit auskannte. Sein Einsatz für die Gerechtigkeit und das Festhalten an der Sunnah, kostete ihn schließlich das Leben. Imam Abu Hanifa war einer seiner bedeutendsten Schülern, der ebenfalls im Gefängnis starb.
Es bildeten sich einige Hunderte Gelehrte in den geistigen Zentren wie Mekka, Medina, Kufa, Damaskus, Kairo heraus, die in Moscheen, auf öffentlichen Plätzen Vorträge abhielten. Die Gelehrten der damaligen Zeit besuchten sich gegenseitig und hörten die Vorträge ihrer Kollegen. Bei den anschließenden Diskussionen traten die Gelehrten mit dem scharfsinnigen Verstand zum Vorschein. Das Volk selbst kürte die Gelehrten. Welcher von den Gelehrten den besten Scharfsinn in seinen Vorträgen zur Geltung brachte, gewann die Zuhörerschaft. Imam Abu Hanife brachte solchen Scharfsinn seiner Vorträge zu Tage, das er die Massen der Moslems nur so anzog. Ein großer Teil seiner Zuhörer, welche seine Schüler wurden, waren vom Wissensstand selber Müdschtechid-Gelehrte.